Sehr einsichtiger (soll heissen: "aufschlussreich, und nach meinen eigenen Ansichten auch noch zutreffend"), vor allem aber mehr als solide geschriebener Artikel von Kathrin Passig im 'Merkur', über Technologiefeindlichkeit (und implizit auch über Technologiebegeisterung -- genau an der Stelle könnte man Passig dann auch einige Punkte entgegenhalten, im Sinne von "vorauseilender Enthusiasmus für alles Neue und Glitzernde ist auch doof, irgendwie").
Besser geschrieben als fast alles, was man sonst im Feuilleton sieht, und progressiv noch dazu, was man auch nicht so oft findet (vielleicht sollte ich mal was anderes als das FAZ Feuilleton lesen...). Max Goldt hätte es an einigen Stellen vielleicht noch besser in Worte gefasst, aber dafür fangen seine Ansichten zuletzt an etwas zu verspiessen. Muss der Erfolg sein, der macht bekanntlich satt.
Auch mit Blick auf den von dir später zitierten englischsprachigen Blogeintrag würde mich jetzt interessieren, was du unter "verspießen" verstehst: Das übermäßige Sichorientieren an den Meinungen anderer oder das Gutfinden von Gartenzwergen und Autos? Beides scheint mir auch auf den aktuellen Max Goldt so überhaupt nicht zuzutreffen. Hat Spießigkeit für dich noch eine dritte Bedeutung?
ReplyDeleteDas ganze ist Teil einer meiner Privattheorien, soll heissen, weiss nicht wie nachvollziehbar das Folgende ist: Ich glaube persoenlich nicht dass Spiessigkeit ausreichend definiert ist durch 'Bluemchentapete moegen, Schleiflackmoebel im Wohnzimmer haben und Bildzeitung lesen'. Ich glaube z.B. dass es in 30 Jahren immer noch 'spiessig' geben wird, nur dass ein Spiesser dann (immer noch) von Dingen schwaermt die zu dem Zeitpunkt eben laengst ueberholt sind.
ReplyDeleteIch denke bei der (erweiterten) Spiessigkeit an zwei Eigenschaften: Bequemlichkeit und (damit zusammenhaengend) Sicherheitsbeduerfnis, soll heissen, das Vertraute moegen. Und das ist dann beliebig steigerbar, i.e. wenn ich's in Laecherliche treiben will, kann ich sogar argumentieren dass den Gurt anlegen schon irgendwie spiessig ist, oder Essen und Atmen ("Immer dieses spiessige am eigenen Leben haengen... *augenroll*")
Was Max Goldt angeht: Vielleicht etwas ungerecht, weil er immer noch sehr weit weg ist auf der Spiessigkeitsskala im Vergleich zu so ziemlich allen anderen Kurztextschreiber die ich kenne (mit Ausnahme Rowohlt vielleicht, aber der machts ja nicht mehr), aber das letzte seiner Buecher das ich gelesen hat mir aus zwei Gruenden weniger gefallen als ich's gewohnt war von ihm. Der Stil kam mir etwas wiederholend vor, hatte vielleicht eine Pause von seinen Texten noetig. Das zweite war dass ich den Eindruck hatte, dass es inhaltlich konventioneller geworden war. Eher in der Art der ueblichen Gesellschaftskritik wie man sie in jeder drittklassigen Kolumne der Sueddeutschen findet (von der Goldt ja selber mal gesagt hat dass er sie vermeiden will).
Ich such bei Gelegenheit das Buch mal wieder raus und seh' nach ob ich Belege finde (war vielleicht die Radiotrinkerin).
Ich kann aber ein Gegenbeispiel nennen, also ein Beispiel fuer das, was mir an ihm immer am besten gefallen hat, Nonsens, der aber nicht /voellig/ sinnfrei ist (letzteres waere dann Loriot, oder Gernhardt):
"Im Übrigen empfehle ich Österreich ganz dringend, sich kulturell mehr an der Schweiz zu orientieren. Fragen Sie mich bitte nicht, warum. Ich empfehle das "nur so". So, wie man auch "nur so" mit dem Spazierstock an den Sprossen eines Zauns entlangrattert."
[Falter-Interview, Link ueber Wikipedia zu finden]
Und sowas wird bei ihm weniger, dachte ich beim Lesen: der eiserne Unwille sich auf 'ne Meinung festzulegen, und stattdessen die Neigung alles nur vage anzudeuten, aber mit einem raunenden Unterton. Weil, sobald man sich festlegt in einer Kritik wird's... spiessig. Genau, das ist mein Argument. (Privattheorie. Hab ich erwaehnt, ne?)
"Die Radiotrinkerin" wird's nicht gewesen sein, die ist von 1991. Aber in den beiden neuesten Büchern, "QQ" und "Ein Buch namens Zimbo. Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird" habe ich ähnliche Beobachtungen gemacht. Sowohl das mit dem Wiederholenden (weswegen es wohl zu begrüßen ist, dass die Goldtkolumnen in der "Titanic" im Moment wieder mal Pause oder Stopp haben) als auch, dass manche Meinung und manches Thema beinahe hart an der Grenze dazu wahr, Gefahr zu laufen, ein wenig ins Allerweltliche zu schrammen.
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